Mit Hoffnung in die Politik

Was hat der Glaube mit Politik zu tun? Christian Meyer, Pastor der BewegungPlus Biel und «Coordinateur romand» bei der EVP Schweiz, hat sich dieser umstrittenen Frage in seiner Ordinationsarbeit und nun auch in einem online-Interview gestellt.

 

online: Warum hast du dich dazu entschieden, in der Politik mitzuwirken?

Der eine Grund war das Hauptmodul «Theologie der Armen» in meinem Masterstudium. Hier wurde mir klar, wie stark in der Bibel die Gottesbeziehung mit der sozialen Dimension verknüpft ist. Der andere war Heidi, meine Frau. Sie kommt aus einer politisch engagierten Familie und half mir, meinen politischen Horizont zu erweitern sowie die Schwellenangst zu diesem oft ziemlich komplexen Gebiet abzubauen.

 

Du schreibst in deiner Ordinationsarbeit über den Theologen Jürgen Moltmann. Dieser hat in der Frage nach unserem Auftrag auf dieser Welt einen längeren Weg zurückgelegt. Kannst du die einzelnen Stationen kurz skizzieren?

Tatsächlich betont Moltmann in seinen sich über einen Zeitraum von fast 50 Jahren verteilten Schriften verschiedene Ansätze gesellschaftlichen Handelns. Lange betonte Moltmann den Protest: Die Kirche muss ihre Stimme gegen alle Formen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung erheben. Imponiert durch die mennonitische Theologie ergänzte er diesen Ansatz später aber durch die Komponente vom Kontrast: Die Kirche hat als Alternativ-Gesellschaft zu leben; so kann christliche Ethik gedeihen und prägende Wirkung auf ihre Umgebung haben. Zuletzt wies Moltmann aber noch auf eine dritte Komponente hin: die Notwendigkeit der Partizipation (Beteiligung). Nur indem die Kirche ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt, wird sie vor separatistischer Weltflucht bewahrt.

 

Mit welcher dieser Stationen kannst du dich am meisten identifizieren und warum?

Mich beschäftigt vor allem gesellschaftliche Partizipation. Unser hektischer «christlicher» Alltag lässt uns manchmal an der Gesellschaft vorbei leben. Doch gerade da begegnen wir Menschen und haben die Möglichkeit, unser Interesse und unsere Anteilnahme am Leben der Gesellschaft unter Beweis zu stellen. Sich für das Gemeinwohl einzusetzen hat sehr viel mit Nächstenliebe zu tun und öffnet nicht selten die Tür für tiefer gehende Gespräche.

 

Ein Leitsatz heisst für dich «Christliche Ethik ist von Hoffnung geprägt». Um was für eine Hoffnung geht es da? Wie wirkt sich das konkret auf deine Arbeit in der Politik aus?

Was wir von der Zukunft erwarten, prägt unser gegenwärtiges Denken und Handeln. Als Christen sind wir die zuversichtlichsten Menschen auf Erden, denn wir wissen um die erneuerte, geheilte und trostvolle Welt, die vor uns liegt. Gerade die Politik ist vielfach von Angst gesteuert: Angst vor Kriminalität, Klimakatastrophen, Ausländerschwemme, Arbeitslosigkeit, Börsencrash, etc.. Die Hoffnung in einen Gott, der über unser menschliches Vermögen in das Weltgeschehen eingreift, wirkt entspannend, befreiend und beflügelt zu verschenkender Hingabe.

 

Die einen erwarten von der Zukunft, dass alles besser wird (immer mehr Himmel auf Erden bis hin zum vollkommenen Reich Gottes), die anderen erwarten eine Verschlimmerung der Zustände (bis hin zur Zerstörung dieser Welt). Wo siehst du dich selbst in diesem Spektrum?

Ohne Gottes Eingreifen bleibt die Welt ein trostloses Pflaster. Da nützt kein noch so ausgeklügeltes Programm oder politisches System. Aber gerade das ist es, was unserer Hoffnung so viel Gewicht verleiht, dass nicht der Mensch (dem zu misstrauen wir mittlerweile gelernt haben), sondern Gott Dreh- und Angelpunkt einer Welt ohne Schmerz, Geschrei und Tod ist.

 

Du schreibst: «Christliche Weltveränderung verlangt nach einem Fernziel (die grosse Alternative), an dem sich die Nahziele (Bemühungen um mehr Gerechtigkeit und Frieden) orientieren können.» Welche konkreten Nahziele hast du zurzeit besonders vor Augen?

Das Flüchtlingsdrama macht uns alle betroffen. Die Kirchen der Stadt Biel haben eine Botschaft an das Volk verfasst, welches im Bieler Tagblatt erschien und am Weihnachtstag von den Kanzeln vorgelesen wurde. Unter dem Titel «Willkommensstadt Biel» werden die Bevölkerung und vor allem auch die Behörden dazu angehalten, mitmenschliche Liebe und Fürsorge für Flüchtlinge und Schutzbedürftige zu zeigen. Jetzt stehen diese Menschen vor unserer Haustür, und jetzt ist die Zeit, unser Brot für die Hungrigen zu brechen!

 

Was hilft dir bei deinem politischen Engagement, das Fernziel nicht aus den Augen zu verlieren?

Politisches Engagement, mag es noch so beseelt sein, kann keine versöhnten Herzen hervorbringen. Deshalb bleibt unser politischer Einsatz Stückwerk. Für das Vollkommene müssen wir auf Gottes vollendetes Reich warten. Genau da spüre ich auch die Gratwanderung vom politischen Engagement: Christen haben den Auftrag, Verantwortung für Gottes Schöpfung zu tragen und der Stadt Bestes zu suchen. Aber ein krampfhafter Umgang mit dieser Verantwortung kann zum einen Gottes souveränes Handeln in den Hintergrund stellen und zum anderen übersehen, dass unsere oberste Priorität die Versöhnung von Menschen mit Gott ist.

 

Du plädierst in deiner Arbeit für ein Mitgestalten der Kirchen an der Gesellschaft. Wo siehst du Erfreuliches?

Die Früchte der Lausanner Bewegung, welche die Bedeutung des sozialen und politischen Engagements der Christen betont, hat Spuren hinterlassen. Nicht immer ist sofort ersichtlich, dass Kirchen hinter diversen Hilfsorganisationen stehen, doch bei näherem Betrachten ist schnell erkennbar, wie stark diese vor allem im sozialen Bereich engagiert sind. Was die politische Dimension betrifft, imponiert mir zum Beispiel die hervorragende Arbeit der Schweizerischen Evangelischen Allianz oder von StopArmut. Sie wagen es immer wieder, eine prophetische Stimme für den Standort Schweiz und darüber hinaus aus zu sein.

 

Was könnten wir in den BewegungPlus-Gemeinden noch verbessern?

In der BewegungPlus sind wir auf einem guten Weg. Wichtig erachte ich, dass immer wieder zum Ausdruck kommt und daran erinnert wird (im Gespräch, von der Kanzel, an Konferenzen und Begegnungstagen), dass gesellschaftliches Engagement – auch politischer Art – zur Berufung Gottes gehört. Und genauso wichtig scheint mir, dass Verantwortungsträger in der Gemeinde (mitunter Pastoren) für politische Verantwortungen in Kommissionen und Ämtern freigestellt werden. Christen haben ihren Platz auf dem politischen «Tummelfeld», und dies durchaus in verschiedenen Parteien. So vermitteln wir noch glaubwürdiger, dass es uns letztendlich nicht um Parteipolitik geht, sondern um christliches Engagement: Christus, die Hoffnung der Welt!

 

Zur Person:

Christian Meyer kam 2010 nach acht Jahren Missionstätigkeit in Burkina Faso mit seiner Familie in die Schweiz zurück. Seither arbeitet er nebst einer Teilzeitanstellung als Pastor in der BewegungPlus Biel bei der Evangelischen Volkspartei (EVP) als Westschweiz Koordinator. Er ist Familienvater von zwei Adoptiv-Töchtern aus Burkina Faso und einer Pflegetochter aus Eritrea. Seine Ordinationsarbeit «Begründung und Dimension des politischen Handelns der Kirche» über Jürgen Moltmann kann unter c.meyer@STOP-SPAM.bewegungplus.ch angefordert werden.

 

Interview: Christian Ringli

 

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Dieser Artikel stammt aus dem online 2/16 zum Thema "Von der Angst zur Hoffnung"

 

 

Ich gehe gerne in die Markus-Kirche, weil ...

... hier meine Church-Family ist.

Sandra

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