Was ist prophetisch an den Propheten?

Zurzeit erlebt das Adjektiv «prophetisch» Hochkonjunktur: In Seelsorge, Gebet und Eindrücken wird das prophetische Potenzial erkannt. Es ist erfreulich, dass das prophetische Wort, welches Gott in unsere Situationen hineinspricht, so viel Aufmerksamkeit erhält, denn es hat eine ungemeine Kraft, wirkt befreiend und vermittelt uns jenes Wort, welches wir uns selbst nicht sagen können.

 

Auch in den biblischen Texten spielt das Wort Gottes, welches in eine ganz spezielle Situation hineingesprochen wird, eine zentrale Rolle. Allerdings sehen wir auch, dass viele der biblischen Propheten, allen voran Jesus, wenig «prophetische Eindrücke» im engeren Sinn weitergegeben haben. Das prophetische Element ihres Dienstes lässt sich nicht auf «Eindrücke» reduzieren, und einer der grössten Propheten, Jeremia, beruft sich an keiner Stelle in seinem Dienst auf eine Offenbarung durch den Geist für seine Botschaft. Das überrascht. Oder auch nicht, denn «prophetische Eindrücke» waren nie das exklusive Kennzeichen des jüdischen bzw. christlichen Glaubens. Vielmehr gab es dies auch in den Religionen von Israels Nachbarn, und zur Zeit des Neuen Testaments blühte dieser Zweig des prophetischen Selbstverständnisses besonders in der Umgebung von Korinth (z.B. mit Pythia, einer weissagenden Priesterin).

 

Der Schrei der Unterdrückten

Im Zentrum des prophetischen Bewusstseins stand in der Bibel vielmehr die Erfahrung des Exodus: Die Erfahrung, dass Gott den Schrei der Unterdrückten hört, sich auf ihre Seite stellt und die Machthaber in ihre Schranken weist. Deshalb standen die Propheten mutig auf und sprachen das Unrecht ihrer Zeit an. Das Gleiche gilt auch für Johannes den Täufer oder Jesus, einen «Propheten mächtig in Wort und Tat» (Lukas 24,19). Über die übrigen neutestamentlichen Propheten wissen wir leider nur sehr wenig. Agabus sagte eine Dürre voraus, und welche Funktion die Propheten im ersten Korintherbrief genau innehatten, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Gaben sie «Eindrücke» weiter, oder «predigten» sie eher?

 

Prophetischer Scharfblick

Noch etwas weiteres fällt auf, wenn wir die Propheten anschauen: Sie alle verkörperten ihre Botschaft, ja mussten sie zuweilen buchstäblich erleiden: Jeremia durfte nicht heiraten, nur weil Gott zeigen wollte, dass es für das Volk Israel keine Zukunft mehr gab. Hesekiel sollte nicht um seine verstorbene Frau trauern, weil Gott auch nicht mehr um Israel trauere, und Jesajas Kinder wurden durch ihre skurrilen Namen gleich in den Dienst ihres Vaters miteinbezogen. Irgendwie merken wir, dass zwischen diesen Figuren und dem blossen Weitergeben von prophetischen Eindrücken ein gewisser Unterschied besteht.

Das bedeutet nun nicht, dass wir «unsere» prophetischen Eindrücke deswegen abwerten müssen. Aber es bedeutet, dass wir in Sachen prophetischem Scharfblick für unsere gesellschaftliche Situation durchaus zulegen dürfen. Als Beispiel: Die Propheten der Pfingstbewegung haben Gottes Liebe zu den Juden leider erst nach dem zweiten Weltkrieg entdeckt. Meines Wissens sind weder in Deutschland noch in der Schweiz Prophetien überliefert, welche die Gemeinde aufforderten, sich für die verfolgten Juden einzusetzen. Da möchte man fragen: Wo waren die Propheten? Und wer spricht heute das prophetische Wort in Bezug auf Stammzellenforschung, Migrationspolitik oder den Rohstoffhandel? In früheren Zeiten hatte der Heilige Geist sehr viel zu solchen Themen zu sagen. Heute scheint er diesbezüglich ein wenig sprachloser zu sein.

 

Das Kennzeichen von Propheten

Und wenn wir schon beim Heiligen Geist sind: Schon immer gab es Auseinandersetzungen, wer sich für «seine» Botschaft auf den Heiligen Geist berufen darf und wer nicht. So ging es auch dem Propheten Micha, und als Beweis dafür, dass seine Botschaft von Gott komme, argumentierte er: «Mich aber hat der Herr stark gemacht und mit seinem Geist erfüllt! Deshalb trete ich mutig für das Recht ein» (Micha 3,8). Für Micha war klar: Das Erfülltsein vom Heiligen Geist manifestiert sich in einem Eifer für die Gerechtigkeit. Deshalb kritisierte er auch nicht mangelnde Offenbarungen durch den Geist im Volk, sondern dass sie sich weigern, das zu tun, was so offensichtlich von ihnen verlangt wird: Gerechtigkeit üben, Güte und Treue lieben und in Ehrfurcht den Weg mit Gott gehen (Micha 6,8). Ganz ähnlich argumentierte einige hundert Jahre später auch Jesus. Er zeigte sich wenig beeindruckt von der Berufung gewisser Propheten auf Zeichen und Wunder zur Legitimation ihres Dienstes, sondern fragte schlicht nach ihren Werken der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit (Matthäus 7,15-20).


Ich freue mich, dass die prophetische Dimension unseres Glaubens wieder mehr ins Zentrum gerückt ist. Ich habe im eigenen Leben erfahren, wie messerscharf und tragfähig prophetische Worte sein können, und einige dieser Prophetien werde ich nie vergessen, denn sie haben mein Leben nachhaltig verändert und geprägt. Ich habe erlebt, wie Menschen Dinge in mein Leben sprachen, von denen sie keine Ahnung haben konnten, und ich habe erlebt, wie ich Dinge im Leben von Menschen angesprochen habe, von denen ich keine Ahnung hatte. Dafür bin ich ungemein dankbar. Gleichzeitig sehne ich mich aber nach dem «prophetischen Wort», wie es ein Jeremia oder Amos sprachen, respektive lebten: Die Botschaft, welche sie verkündigten, veränderte zuerst ihr eigenes Leben. Wenn ich sie anschaue, bin ich allerdings nicht mehr sicher, ob ich gerne ein Prophet wäre. Es ist nämlich eine Sache, jemandem einen prophetischen Eindruck weiterzugeben, aber eine andere, in unserer Gesellschaft und in unserem globalen Wirtschaftssystem Gottes Leidenschaft für die Unterdrückten und Benachteiligten zu verkörpern.

 

Matthias Wenk, BewegungPlus Burgdorf, m.wenk@STOP-SPAM.bewegungplus.ch

 

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Dieser Artikel stammt aus dem online 5/15 zum Thema «prophetisch leben»

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