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04 ich-liebe-die-kirche
16 Sep 2021

«Ich liebe die Kirche!»

Johannes Wirth, langjähriger Leiter der GvC Winterthur, spricht im Interview über die Herausforderungen und Chancen für die Kirche der Zukunft.

Vieles in deinem Leben hat mit einem Traum begonnen. Wovon träumst du aktuell?

Ja, es ist ein besonderes Geschenk, dass Gott zu mir durch Träume spricht. Während einer Gebetszeit sah ich das ganze Bild der Quellenhofstiftung vor meinen inneren Augen. Heute, 31 Jahre später, ist alles so gewachsen. Manchmal hatte ich auch in der Nacht bedeutsame Träume, unter anderem jenen über meine jetzige Lebenssaison, die unter dem Motto «Multiplikation» steht.

Hast du auch spezifische Träume in Bezug auf die Zukunft der Kirche?

Es ist nicht mehr an mir, die Kirche der Zukunft zu gestalten. Ich habe letztes Jahr die Leitung der Kirche abgegeben. Nun soll die nächste Generation Raum zum Gestalten haben. Da will ich mich nicht mehr einmischen, selbst wenn ich nicht alles gleich sehe wie sie. Was ich tun kann, ist, Vaterschaft zu leben.

Was bedeutet das?

Das heisst, ich sitze nicht mehr am Steuer, aber bin deswegen nicht passiv. Das rate ich auch den Leuten meines Alters aus der BewegungPlus: Vertraut den Jungen, gebt ihnen Freiraum, helft ihnen, sich zu entwickeln, und bleibt nicht bei dem stehen, was ihr für richtig haltet. Wenn ich das kann, könnt ihr das auch.

Du hast über Jahrzehnte aktiv Kirche mitgestaltet. Welche Werte aus deiner «Kirchenbauzeit» sind dir in der Retrospektive besonders wichtig?

Leiter sind Kulturarchitekten. Meine Leitkulturen waren Authentizität, Barmherzigkeit, Grosszügigkeit, Leidenschaft und der Hunger nach mehr. Dazu kamen eine unermüdliche Visionsvermittlung, der Wert, mit Freunden zusammen Kirche zu bauen, sowie eine lebensnahe Verkündigung.

Zum Wert der Authentizität: Ist die Kirche authentischer geworden?

Ich bin mir nicht sicher. Authentisch sein heisst nicht, die Seele nach aussen zu kehren. Es hat vielmehr mit einem Lebensstil zu tun: Ich bin der gleiche, egal, wo ich bin. Ich zeige meine Kämpfe mit Gott und dem Glauben und wie ich sie kämpfe. Das interessiert die Menschen. Schau dir nur das Alte Testament an: Wie authentisch ist das denn! Mein Arbeiten mit Randgruppen hat mir geholfen, denn diesen Menschen kannst du absolut nichts vormachen.

Gibt es Dinge, die du im Nachhinein anders machen würdest?

Das Schaffen von Strukturen war mir oft lästig. Das gab mir und den Mitleitern zwar viel Freiheit, und doch hat da einiges gefehlt. Das würde ich heute anders machen. Man kann auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Ich würde früher damit beginnen, Selbstführungstools einzuführen. Und ich würde mir mehr Zeit für die Familie nehmen.

Wie hat sich die Kirche verändert im Vergleich zu vor 30 Jahren?

Viele Kirchen engagieren sich stärker gegen aussen, um den Nöten ihrer Städte und Dörfer zu begegnen, sowohl als Gemeinschaft wie auch ihre einzelnen Menschen in ihren Berufen und Ämtern, für die sie sie freisetzen. Das freut mich sehr! Handkehrum scheint mir, dass wir in der Evangelisation nachgelassen haben. Es kommen weniger Menschen zum Glauben an Jesus. Auch die Verbindlichkeit der Gemeinschaft ist durch den Zeitgeist stark unter Druck geraten.

Wo siehst du die grössten Herausforderungen, denen die Kirche von morgen gegenübersteht?

Im Wertewandel der Gesellschaft, insbesondere in den Bereichen Familie, Sexualität und Wert des Lebens. Wie verkündigen und leben wir das Evangelium da mittendrin? Wie können wir Menschen mit anderen Lebensentwürfen herzlich willkommen heissen, ein Zuhause für sie sein, ohne dabei die biblischen Werte zu verbiegen?

Wie schaffen wir das?

Mit viel Jesusdemut und Jesusliebe – gegenüber Menschen mit anderen Lebensentwürfen, aber auch innerhalb unserer Leitungsgremien und Verbände. Die Herausforderungen in urbanen Gebieten sind anders als zum Beispiel im Berner Oberland. Sagt nicht Jesus, dass die Welt Ihn an unserer Einheit erkennen wird? Zudem braucht es eine grosse Portion Sprachfähigkeit. Wenn ich manchmal Leute über christliche Werte reden höre, dann «tschuderet» es mich. Das müssen wir besser lernen, vielleicht auch Kurse dafür anbieten.

Junge Menschen gehen mit viel Hoffnung ins Leben – auch in die Kirche. Mit enttäuschenden Erfahrungen geht die Hoffnung bei manchen verloren. Was hat dir geholfen, die Hoffnung zu bewahren?

Ich liebe die Kirche, jede Kirche, nicht weil sie perfekt ist, sondern weil sie Jesus gehört und er sie liebt, um jede von ihnen ringt und sie nie aufgibt. Das habe ich auch zu meinem Lebensmotto gemacht: Gib niemals auf! Die Bodentruppe von Jesus ist fehlerhaft, ja manchmal verletzend. Darum fusst mein Glauben und meine Hoffnung nie auf ihr, sondern auf Jesus.

Manche prophezeien eine grosse Erweckung in der westlichen Kirche, anderen zeichnen ein trüb(salig)es Bild der näheren Zukunft. Und du?

Zu den Ersteren: Oh, wenn sie nur recht hätten! Allerdings höre ich diese Art von Prophezeiungen schon seit 40 Jahren. Bei den andern kann ich noch weniger mit einstimmen. Die meisten Gleichnisse über das Reich Gottes reden von Wachstum. Aber ich weiss nicht, ob dieses Wachstum hier bei uns sein wird oder eben auf anderen Kontinenten. Meinen wir denn immer noch, der Westen sei Gott näher als beispielsweise die islamische Welt?

Welche Aussenwahrnehmung hast du von unserem Verband BewegungPlus?

Da kommen mir ganz verschiedene Menschen in den Sinn, die ich in ihrer Unterschiedlichkeit enorm schätze. Ihr habt eine grosse Vielfalt in euren Reihen. Wenn es euch gelingt, diese Vielfalt zusammenzuhalten, hat das eine grosse Kraft. Doch wer bin ich, dass ich das von aussen beurteilen könnte?

Was wünschst du der zukünftigen Kirche besonders?

Ich wünsche mir eine Einheit in der Fokussierung darauf, wofür die Kirche wirklich da ist.

Interview: Christian Ringli