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An adult hipster son and senior father sitting on sofa indoors at home, talking.
20 Jan 2021

Zehntausende Lehrmeister, keine Väter

Zerknirscht sitzt die junge Frau da. Sie erzählt mir von ihrem kläglich gescheiterten Versuch, ihre grosse Sehnsucht nach Liebe und Annahme zu stillen.

Sex und Liebe waren einmal mehr verwechselt worden. Scham und Schuld stehen schwer im Raum. Innerlich trete ich einen Schritt zurück. Was sie jetzt zuletzt braucht, ist der mahnende Zeigefinger. Nein, sie braucht jemand, der ihr den Arm um die Schulter legt und sie in die gnädige Gegenwart Gottes führt. Sie dabei unterstützt, ihre Persönlichkeit und ihren Wert zu entdecken und gut mit sich selbst umzugehen.

Ich spüre innerlich das Nicken Gottes beim Erfüllen des Auftrags, nicht Lehrmeisterin, sondern geistliche Mutter zu sein – und dabei nicht bloss von eigenen Höhen, sondern auch von den Tiefen meines Lebens zu erzählen. Von meinem eigenen Ringen mit Gott. Von meinem Versagen. Denke ich zurück, dann haben mich nicht Lehrmeister, die alles im Griff hatten, bleibend geprägt, sondern geistliche Mütter und Väter, die auch zu ihren Stolpersteinen stehen konnten. Transparenz hat nicht Verachtung, sondern Nahbarkeit geschaffen.

Paulus schreibt den Korinthern, dass sie, wenn sie auch zehntausende Lehrmeister hätten, doch nicht viele Väter haben. Und er fährt fort, dass sie seinem Beispiel folgen sollen. Jemandem zu sagen: «Folge meinem Beispiel!», braucht Mut. Viel Mut, denn die Grenze zu Machtmissbrauch liegt nahe. In unserer von der Demokratie geprägten Schweizer Kultur sage ich das lieber ohne Worte. Mit Worten will ich jedoch verzerrte Gottesbilder konfrontieren, scheinbar biblische Überzeugungen hinterfragen und Menschen in die Nähe Gottes führen. Und diese Nähe deckt auch Sünde auf und lädt zur Busse ein.