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Besichtigung der Felder
14 Dez 2021

Kinder Ismaels lernen Jesus kennen

Togo, Westafrika. Ich fische. Ich fische Worte aus dem Sprachfluss der verschiedenen Akzente und der Tonkulisse einer scherbelnden Verstärkeranlage.

Etwa 60 Männer und 10 Frauen sitzen an langen Tischen. Sie sind Gemeindegründerinnen und Pioniere im muslimischen Kontext. Gegenseitige Ermutigung, Vernetzung und Schulung ist das Ziel des Seminars, zu dem MissionPlus eingeladen hat.

Salomé und Fatima
Rechts von mir sitzt Salomé.* Auf ihrem Mobiltelefon zeigt sie mir eine verschleierte Frauengruppe. Salomé bietet Alphabetisierungskurse für Frauen an. Als Einstieg erzählt sie ihnen die Geschichte von König Salomo und den beiden Müttern mit einem lebenden und einem toten Kind. Die Geschichte fasziniert die Frauen, und sie wollen mehr hören. Vermehrt erzählt sie auch Geschichten über Jesus.

Links von mir sitzt Fatima* aus dem Niger. Ich schaue sie immer wieder an und bewundere ihre Schönheit. Sie ist Mutter von fünf Kindern, war verwitwet und heiratete darauf einen Witwer, der ebenfalls fünf Kinder hat. Vor einem Jahr starb ihr jüngster Sohn mit gerademal 14 Jahren. Vor einigen Jahren wurde zudem ihr Haus angezündet. Dabei haben sie fast alles verloren. Und gerade jetzt am Seminar erreicht sie die Nachricht, dass der Mann ihrer Adoptivtochter an Hepatitis gestorben ist: 35-jährig, zwei Kinder, als Evangelist tätig. Ich lege meinen Arm um sie und versuche sprachlos, ihr Leid mit ihr zu teilen. Dieses Pastorenpaar berührt mich zutiefst: ihre Ausstrahlung, ihre Hingabe, ihr Leben.

Missiologie des Leidens statt Wohlstandsevangelium
Gespannt höre ich Beat zu, dem Verantwortlichen für Togo von MissonPlus. Sein Thema: Missiologie des Leidens – das Gegenstück zum «Wohlstandsevangelium» (der Behauptung, dass Christen ein erfolgreiches Leben ohne Leiden versprochen sei). Er spricht über das Leben von Paulus: Schiffbruch, Gefängnis, Verhöre, Auspeitschung… die Aufzählung lässt mich schaudern. Doch gerade darin erlebt er auch Gottes Beistand, erlebt Menschen, die Jesus begegnen, umkehren und ihrerseits die Welt verändern.

Viele Zuhörende haben einen muslimischen Hintergrund und ihre eigene Erfahrung von Verfolgung. Aus Benin, Togo, Elfenbeinküste, Gabun, Burkina Faso und Niger hören wir Berichte von Heilungen, Befreiungen und Menschen, die Jesus von ganzem Herzen nachfolgen. Und wir hören vom Preis, den sie dafür zahlen.

Dann geht es weiter. Wenn Frauen und Männer Westafrikas miteinander beten, wird es laut und intensiv. Sie bestürmen wortwörtlich den Himmel. Die kundige und kreative Gegenüberstellung von Bibel und Koran durch einen quirligen Afrikaner lässt uns staunen. Das Rollenspiel zur Vertiefung des Gehörten bringt Gelächter und theatralische Begabung hervor. Als die anwesenden Frauen ein Lied vortragen, worauf die Männer begeistert ihre Telefone zücken, wird klar: Sie sehen ihre Mission als gemeinsame Aufgabe.

Landwirte und Gemeindegründer in einem
«Les cousins et les cousines», «die Kinder Ismaels»: Diese liebevollen Bezeichnungen drücken die Haltung der Teilnehmenden aus. Sie wollen Muslimen Gottes Liebe weitergeben. Das Vorrecht, einige von ihnen persönlich kennenzulernen, verändert und erweitert meine Sicht völlig. Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt besuchen wir einige Gemeindegründungsprojekte. Unser Auto hält neben einem niedrigen Haus in der grünenden Weite des Nirgendwos. Etwas scheu erklärt uns der junge Mann, was er hier anbaut. Der Ertrag der Felder ist sein Lebensunterhalt. In der Gegend leben Fulani, eine von vielen verachtete, muslimische Volksgruppe.

Danach geht die Fahrt weiter. Eine betonierte Bodenplatte und ein paar Pfeiler, die das Schattendach tragen, bilden das Schulzimmer für Gemeindegründerinnen und -gründer. Alle drei Monate kommen sie für eine Schulungswoche hierher. Bescheiden steht der Verantwortliche in seinem grossen Hühnerstall. Später führt er uns ins Weite, wo er Cashewnüsse, Mais und anderes anbaut. Auch er und seine Familie leben von der Arbeit ihrer Hände. Sie haben eine grosse Familie, denn sie nehmen Menschen auf, die aufgrund von ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben von ihren Familien verstossen wurden.

Zum Abschluss der Schulung erhalten alle ein Buch mit dem Titel «Ihr sollt ein Segen sein» als Geschenk. In einer Beziehung habt ihr diese Berufung bereits erfüllt: Liebe westafrikanische Geschwister, mit der Art, wie ihr euren Glauben lebt, seid ihr für mich ein Segen. Herzlichsten Dank!